30. Kapitel: Jüdische Persönlichkeiten IX: Die Sprüche Süßkinds II

Swie vil daz mensche zuo der welte guotes habe
und ez gedenket wie ez scheiden muoz dar abe
ze leste mit dem tôd, sô mag ez trûren sêre.
dâ vor nicht frumt rîchtuom, gebulr von hôher art,
wîsheit, gewalt, daz müeze an des tôdes vart.
ez darf dâ für nicht suochen weder rât noch lêre.
kein meister in nigromanzî
wart nie sô wîser ræte
daz er ie wurde des tôdes frî,
noch heilig wîs prophête.
dur den grôzen ungewin
ich dicke gar betrüebet bin,
daz nieman weiz nu wâ diu sêle kumet hin,
sô tôt den lîp ermant daz er von leben kêre.
Was auch der Mensch errafft an Gut und Freuden,
Am Ende muss er doch von allem scheiden,
Drum fasst ihn Trauer, denkt er an den Tod.
Und wenn er noch so mächtig, noch so hochgeboren wäre -
Kein guter Rat und keine weise Lehre
Bewahrt ihn vor des Abschieds bittrer Not.
Nicht Reichtum noch Verdienste,
Kein Heiliger, kein Prophet,
Kein Meister schwarzer Künste
Als Retter ihm ersteht.
Doch was mich noch viel mehr betrübt tief innen:
Dass ich nicht weiß und muss vergebens sinnen,
Wohin die Seele kommt, was ihr beschieden sei,
Spricht einst der Tod zum Leib: "Es ist vorbei."

Vil manger muoz bescheiden wesen dur die nôt
der unbescheiden wære, wan daz im gebôt
sîn meisterschaft daz er unfuoge müeste lâzen.
dâ bî sô næme ouch menger gerne den gesuoch;
daz lieze er nicht dur got noch dur der liute fluoch,
wan daz er hât des houbetguotes al ze mâzen.
und daz der esel hæte horn,
die liute er nider stieze;
möcht kokedrille sînem zorn,
nieman ez leben lieze;
stüende an wolfen gar diu kür,
vil schâfe man dar an verlür;
diep wolte daz beslozzen wurde niemer tür;
der bœse wolte daz der biderbe wær verwâzen.
Gar mancher wird nur sittsam durch den Zwang,
Und nur vor den Gesetzen ist ihm bang.
Aus Angst lässt er die bösen Pläne ruhn.
Ob Gott ihm zürnt, und ob die Leute schrein -
Hätt er nur Geld, er würdīs um Wucherzins verleihn
Und täte Übles, könnte erīs nur tun.
Der Esel, wenn er Hörner hätte,
Er spießte einen jeden auf.
Das Krokodil im schlammigen Bette,
Es fräße Menschen wohl zuhauf.
Wenn wir dem Wolf die Wahl beließen,
Dann müsstenīs viele Schafe büßen.
Und wie der Dieb sich gern an offne Türen machte,
So wünscht der Schelm, dass man den Redlichen missachte.

Hât rîcher mel, der arme dâ bî eschen hât;
dar an gedenke ein wîser man, daz ist mîn rât,
und lâze im nicht den armen sîn ze smâch ze fründe:
vil lîchte kumt diu stunde daz er sîn bedarf;
dâ von sî rîcher gen dem armen nicht ze scharf.
kuo sunder hagen nicht wol getuon den sumer künde.
swie man den esel hât unwert,
doch was er ie gereite
swâ sô man sînes dienstes gert,
daz er in nie verseite.
het nieman zarmuote pflicht,
der rîchtuom wære ein wicht:
wer solt dann dienen, ob der arme wære nicht?
guot was ie bast, daz man den
sac dâ mit verbünde.
Der Reiche hat das Mehl, die Asche bleibt dem Armen.
Hör meinen Rat, sei klug und üb Erbarmen,
Verschmäh des armen Mannes Freundschaft nicht!
Vielleicht kann er dir eines Tags noch nützen
Und würdest ohne ihn gar auf dem Trocknen sitzen,
Wieīs manchmal auch dem Rind an Weideland gebricht. Der Esel hat nur wenig Wert
In seinem grauen Felle,
Doch wenn man seinen Dienst begehrt,
Dann ist er stets zur Stelle.
Der Reichtum fiel den Reichen schwer,
Gäbīs plötzlich keine Armen mehr.
Die lassen sich das Dienen nicht verdrießen.
Man braucht den Bast, die Säcke zu verschließen.

Wâhebûf und Nichtenvint
tuot mir vil dicke leide:
her Bîgenôt von Darbîân
der ist mir vil gevære.
des weinent dicke mîniu kint,
bœs ist ir snabelweide.
si hât si selten sat getân,
Izzûf, diu froidenbære.
in mînem hûs her Dünnehabe
mir schaffet ungeræte,
er ist zer welt cin müelich knabe:
ir milten, helfent mir des bœsewichtes abe,
er swechet mich an spîse und ouch an wæte.
Herr Nimmerfind, Herr Wehgetan
Die rücken mir zu Leibe.
Dazu Herr Not von Darbian,
Der gönnt mir keine Bleibe.
Kein Weinen hilft, muss nah und fern
An harte Türen klopfen,
Möcht meinen Kindern gar so gern
Die Hungerschnäbel stopfen.
Herr Habenichts, seit er mich fand,
Bleibt ständig mir zur Seite,
Ihr Milden, öffnet eure Hand,
Helft mir mit Speise und Gewand,
Dass mich der Unhold nicht begleite.

Ich var ûf der tôren vart
mit mîner künste zwâre,
daz mir die herren nicht went geben.
des ich ir hof wil fliehen
und wil mir einen langen bart
lân wachsen grîser hâre:
ich wil in alter juden leben
mich hinnân fürwert ziehen.
mîn mantel der sol wesen lanc,
tief under einem huote,
dêmüeteclich sol sîn mîn ganc
und selten mê ich singe in hovelîchen sanc,
sîd mich die herren scheiden von ir guote.
Da bin ich als ein rechter Tor
Mit meiner Kunst durchs Land gezogen,
Und niemand rettet mich davor,
Dass mir die Herren nicht gewogen.
Ich will mir einen langen Bart
Lassen wachsen mit grauen Haaren,
Ich will nach alter Judenart
Fortan des Lebens Straße fahren.
Der Mantel wallt mir schwarz und lang
Tief unter meinem Hute,
Demütiglich soll sein mein Gang,
Nie wieder sing ich höfischen Gesang.
Ich bin geschieden von den Herrn und ihrem Gute.

Ein wolf vil jæmerlîchen sprach
«wâ sol ich nû belîben,
sîd ich dur mînes lîbes nar
muoz wesen in der âchte.
dar zuo sô bin ich her geborn, diu schult diun ist nicht mîn.

vil manic man hât guot gemach
den man sicht valscheit trîben
und guot gewinnen offenbar
mit sündeclîcher trachte.
der tuot vil wirser danne ob ich mir næme ein genselîn.

jon habe ich nicht des goldes rôt
ze gebenn umb mîne spîse.
des muoz ich rouben ûf den lîb durch hungers nôt.
der valsche in sîner wîse
ist schedelîcher vil dann ich und wil unschuldig sîn.»
Es hob der Wolf zu jammern an:
"Gönnt mir mein kärglich Brot!
Ich suchīs, wo ich es finden kann,
Mich treibt des Hungers Not.
Das ist nicht meine Schuld, das ist der Lauf der Welten.


Sitzt mancher feist in seinem Haus,
Der noch viel Schlimmres tut,
Ist nur auf Falsch und Vorteil aus,
Häuft sündhaft Geld und Gut.
Mich aber wollt ihr wegen eines Gänsleins schelten.


Ja, ehrlich sein, das wär mein Wille.
Doch wennīs mir nicht gelingt
Und wenn ich mir durch Raub den Hunger stille,
So liegtīs an dem, der mich zu rauben zwingt.
Er ist der Schuldige - und will für schuldlos gelten."



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