3. Kapitel: Die Juden im fränkischen Reich

In den germanischen Ländern blieb zunächst der Rechtszustand bestehen, der sich für die Juden im römischen Reich entwickelt hatte. So wie die Germanen überhaupt bei ihren Eroberungen die Römer größtenteils nicht unterjochten oder ihres Rechts beraubten, sondern gewissermaßen nur als Mitglieder einer anderen Nation aufnahmen. So trafen sie auch bezüglich der Stellung der Juden keine Änderungen.
Es gibt keine historischen Belege für die Art und Weise, wie die Juden zur Zeit der Völkerwanderung an das rechte Rheinufer und in die Gebiete nördlich der Donau gelangten. Die Hintergründe sind in den wirtschaftlichen Chancen zu suchen, die das expandierende Karolingerreich international agierenden Fernkaufleuten bieten konnte. Solche Händler waren gesucht und wurden für ihre Dienste belohnt und geschützt, wie zum Beispiel aus dem später als Gründungssage ausgeschmückten hebräischen Bericht über die Berufung der Familie Kalonymus aus Lucca nach Mainz durch einen Karl genannten Kaiser hervorgeht.

In Gallien wurden nach Ausbreitung der fränkischen Herrschaft und nach der Einfürung des Christentums die beschränkenden Gesetze auf den Synoden und Reichsversammlungen wiederholt und als allgemein anzuwendendes Gesetz verkündet. Die Juden sollten keine Ämter erhalten, keine Ehen mit Christen eingehen, nicht mit ihnen zusammen speisen, keine christlichen Knechte und Sklaven besitzen, usw. Doch fehlte viel daran, dass diese Vorschriften in die Praxis umgesetzt wurden.
Allerdings fanden bei den Franken auch einige Judenverfolgungen statt. Chilperich I. (535 - 584), der mit einem ruchlosen Leben das Interesse für Theologie verband und Schriften über die Trinität und Menschwerdung Christi verfasste, suchte die Juden mit Überredung und Gewalt zum Christentum zu führen und zwang viele zur Taufe. Während seine Nachfolger nichts Feindseliges gegen die Juden unternahmen, gebot König Dagobert, dass sie sich entweder taufen ließen oder auswanderten.

Karolingerzeit
Unter den Karolingern, besonders unter Karl dem Großen und unter Ludwig dem Frommen, genossen die Juden eine große Erwerbsfreiheit. Eine bevorzugte Ausnahmestellung nahmen solche Juden ein, die als Lieferanten für die Bedürfnisse des königlichen Haushalts sorgten und deswegen vom König in ein besonderes Schutzverhältnis genommen wurden. In der karolingischen Zeit, vor allem unter Ludwig dem Frommen, kam es vor, dass sich einzelne Juden in den Schutz des Königs begaben und dann mit besonderen Privilegien ausgestattet wurden. Aus den erhaltenen Schutzbriefen geht hervor, dass diese Juden von allen Abgaben, Zöllen, Staatslasten, usw. befreit waren und gelegentlich die königlichen Aufträge kaufmännischer Natur erfüllten . Als Gegenleistung für den Schutz leisteten sie jährliche Zahlungen und Lieferungen an den Hof. Sie besaßen Grundstücke und durften - gegen das Verbot der Kirche - auch Christen in ihren Dienst nehmen, die aber nicht an Sonntagen und christlichen Feiertagen zur Arbeit angehalten werden sollten. Sie durften Sklavenhandel betreiben und keinem Geistlichen war es erlaubt, ihre Leibeigenen zum Christentum zu bekehren. Der Schutz des Königs äusserte sich auch besonders darin, dass er seiner Person die Gerichtsbarkeit über die Schutzjuden in allen wichtigen Angelegenheiten vorbehielt und seine Beamten vor allen voreiligen Verfahren warnte.
Über solche Schutzbriefe und Privilegien, über die Begünstigungen, die die Juden bei Hof vom König, seiner Familie und den Hofbeamten erfuhren, über die gegen das kanonische Recht erteilte Erlaubnis, neue Synagogen zu errichten, war die Geistlichkeit, besonders Bischof Agobard von Lyon, empört und wandte sich in besonderen Schriften an Ludwig den Frommen, um die Durchführung der kanonischen Satzungen bei ihm durchzusetzen.

Es ist bekannt, dass Karl der Große einen Juden namens Isaak (der damit der erste namentlich erwähnte Jude in der Geschichte der Juden in Deutschland ist) mit einer Gesandtschaft an den Hof des Kalifen Harun ar-Raschid in Bagdad schickte. Wahrscheinlich fiel Karls Wahl deshalb auf Isaak, weil ein Jude wegen seiner genaueren Bekanntschaft mit den Verhältnissen und Sprachen des Orients für eine solche Mission besonders geeignet schien.

Wenn auch die Juden Grundbesitz haben durften, so scheinen sie doch im fränkischen Reich überwiegend vom Handel gelebt zu haben. Gregor von Tours erwähnt mehrmals Juden, die Handel mit Spezereien betrieben. Agobard berichtet, der wöchentliche Markt in Lyon sei aus Rücksicht auf den Schabbat auf einen anderen Wochentag verlegt worden. Die Juden betrieben einen ausgedehnten Seehandel und vermittelten den Warenverkehr mit dem Orient, wobei es förderlich war, dass sie sich an den verschiedenen Orten an ihre Glaubensgenossen wenden konnten. Juden waren auch als Sklavenhändler tätig.
Karl der Große und Ludwig der Fromme erließen einige Gesetze für die Juden, die sich speziell auf den Handel beziehen. Die Juden sollten keine Kirchengeräte kaufen, keine Christen als Pfand von einem christlichen oder jüdischen Schuldner annehmen, sie sollten in ihrem Haus keine Münze unterhalten und keinen Wein, kein Getreide oder Derartiges verkaufen.
Damals wurde auch schon eine Eidesformel für die Juden ausgearbeitet.
Was die Abgaben der Juden als Kaufleute betrifft, so bestimmte ein Gesetz aus dem Jahr 817, Juden müssten den 10. Teil ihres Handelsgewinns an den König zahlen (Christen den 11. Teil).

Karte des fränkischen Reiches
Karl der Große
Ludwig der Fromme
Der Kaiserthron im Dom von Aachen



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